Amorgos: die Insel, die Ihnen keiner erklärt
Amorgos taucht in fast jedem Griechenland-Gespräch auf die gleiche Art auf: kurz, ehrfürchtig, dann Themawechsel. Weil fast niemand dort war. Die Insel liegt am östlichen Ende der Kykladen, und wer von Santorin oder Naxos aus hinüberfährt, merkt schnell, dass hier etwas anders läuft. Keine Club-Meile. Kein Charter-Trubel. Dafür ein Kloster, das aussieht, als hätte es jemand mit Absicht in eine Klippe gesprengt.
Ich bin vor einigen Jahren zum ersten Mal dort gelandet, eher zufällig, weil eine Fähre voll war und ich umbuchen musste. Aus dem Notfall wurden zehn Tage. Aus den zehn Tagen wurde die Insel, zu der ich seither jedes Mal zurückkomme, wenn ich Griechenland sage und eigentlich Amorgos meine.
Wichtige Erkenntnisse
- Amorgos ist die östlichste Insel der Kykladen und hat keinen eigenen Flughafen — Sie kommen nur per Fähre hin.
- Das Kloster Panagia Chozoviotissa ist der Grund, warum viele überhaupt von der Insel wissen — und der Grund, warum Luc Besson hier 1988 drehte.
- Die Wanderung von Chora nach Aegiali ist rund 12 Kilometer lang und dauert je nach Tempo 4 bis 5 Stunden.
- Die zwei Hauptorte heißen sich nicht ähnlich, liegen aber weit auseinander: Chora im Süden, Aegiali im Norden.
- Wer Ruhe sucht, findet sie. Wer Animation sucht, sollte woanders buchen.
Amorgos Anreise: wie Sie tatsächlich hinkommen
Der Flughafen. Fangen wir mit dem Punkt an, der die meisten Fragen auslöst. Amorgos hat keinen. Es gibt keinen Flughafen auf der Insel, keinen Hubschrauberlandeplatz für Linienverkehr, nichts. Sie kommen ausschließlich per Schiff an, und das ist keine Einschränkung, sondern Teil des Erlebnisses.
Amorgos Flughafen: gibt es einen?
Nein. Der nächstgelegene Verkehrsflughafen, den Sie realistisch anfliegen können, liegt auf Naxos, und von dort geht es mit der Fähre weiter. Alternativ fliegen Sie nach Santorin und nehmen von dort eine der kleineren Fähren. Beides funktioniert, beides erfordert Planung.
Die Fährverbindungen laufen hauptsächlich über den Piräus (Athen), über Naxos und über Santorin. Vom Piräus aus dauert die Überfahrt je nach Schiff und Route oft sechs bis acht Stunden, mit Zwischenstopps auf anderen Kykladen-Inseln. Von Naxos sind es deutlich weniger, meist ein bis zwei Stunden. Buchen Sie in der Hochsaison früh: Juli und August sind die Monate, in denen die guten Verbindungen zuerst voll sind, und das merkt man erst, wenn man spontan umbuchen will.
Meine Regel, die ich nach mehreren Anläufen gelernt habe: Planen Sie die Anreise nicht am selben Tag wie den Weiterflug nach Hause. Ein einziger Windstoß auf der Ägäis, und Ihre Fähre fällt aus. Das ist mir einmal passiert, ich habe eine Nacht in Naxos verbracht, die ich nicht geplant hatte, und war am Ende trotzdem froh darüber.
Amorgos Sehenswürdigkeiten: das Kloster und der Rest
Es gibt auf Amorgos genau ein Bauwerk, das jeder kennt, der die Insel kennt. Alles andere braucht einen zweiten Blick.
Das Kloster Panagia Chozoviotissa
Das Kloster liegt hoch über der Küste, eingelassen in eine steile Felswand, so schmal gebaut, dass es von weitem wie eine weiße Linie aussieht, die jemand mit einem Lineal gezogen hat. Acht Stockwerke, keine davon besonders breit. Sie steigen über 300 Stufen hinauf, ziehen sich vor dem Eingang etwas über, und drinnen wartet ein Raum, der so still ist, dass man automatisch leiser spricht, ohne dass es jemand verlangt.
Der Weg hinauf ist anstrengend, das sage ich ehrlich. Wer Knieprobleme hat, sollte früh am Morgen gehen, wenn es noch kühl ist, und genug Wasser mitnehmen. Die Aussicht oben entschädigt für alles.
Amorgos Karte: Chora und Aegiali
Amorgos ist lang und dünn, eine gestreckte Insel, und die beiden Hauptorte liegen weit auseinander. Chora im Süden ist der Hauptort, verschachtelt, weiß, mit engen Gassen und einem Platz, an dem man abends sitzt und zuschaut, wie die Insel sich langsam füllt. Aegiali im Norden ist der zweite Hafen, ruhiger, mehr Strand direkt beim Ort, mehr Fischerboot als Fähranleger.
Wenn Sie eine Karte aufmachen und die Straßen suchen: Es gibt eine, die die beiden verbindet, und sie ist kurvig genug, dass man sie nicht unterschätzen sollte. Mit dem Auto brauchen Sie für die Querung etwa 30 bis 40 Minuten. Zu Fuß dauert es, wie oben erwähnt, einen halben Tag.
Amorgos Strände: und was Sie erwarten sollten
Wer an Kykladen und Strände denkt, denkt an Liegenreihen und Beachbars. Auf Amorgos ist das anders, und das ist keine Marketing-Flosse, sondern einfach die logische Folge davon, dass die Insel klein ist und die meisten Strände entweder Kiesel oder Kies oder nur über einen Fußweg erreichbar sind.
- Agia Anna: kleiner Kieselstrand mit einer Kapelle direkt über dem Wasser, wird gerne als Foto-Motiv genutzt und ist der bekannteste Strand der Insel.
- Mourou: erreichbar per Boot von Aegiali aus, ruhig, wenig Infrastruktur, perfekt für einen halben Tag ohne Handyempfang.
- Kalotaritissa und die Bucht daneben: im Süden, dort, wo das Wrack der Olympia liegt, das seit Jahrzehnten im flachen Wasser verrostet und heute eine der ungewöhnlichsten Badestellen der Kykladen ist.
- Levrossos bei Aegiali, für alle, die nicht weit laufen wollen.
Was Ihnen auffallen wird: An vielen Stränden gibt es keine Liegen. Kein Verleih, keine Musik, kein Kellner. Nehmen Sie ein Handtuch mit, und einen Sonnenschirm, wenn Sie ihn brauchen. Es gibt Schatten, aber nicht überall.
Warum Amorgos bekannt wurde: der Film, der alles änderte
1988 drehte Luc Besson hier Le Grand Bleu, und wenn Sie den Film kennen, wissen Sie, welche Szene ich meine: das Kloster, die Klippen, das Meer darunter. Vor diesem Film war Amorgos eine Insel, die in Griechenland bekannt war und außerhalb kaum. Danach kamen Besucher, die genau die Stelle sehen wollten, an der das alles gefilmt wurde.
Was mich daran bis heute fasziniert: Der Film hat die Insel sichtbar gemacht, ohne sie zu verändern. Es gibt kein Denkmal, kein Museums-Shop, keinen Hinweis am Kloster, der auf die Dreharbeiten verweist. Die Insel hat den Ruhm einfach angenommen und weitergemacht wie vorher. Das ist, ehrlich gesagt, eine Haltung, die mir bei vielen anderen Reisezielen fehlt.
Amorgos Urlaub: für wen sich die Insel lohnt
Ich sage es direkt: Amorgos ist nicht für jeden etwas. Wer einen Pauschalurlaub mit Pool, Animation und drei Restaurants zur Auswahl direkt am Hotel sucht, wird hier zu wenig finden und zu viel laufen. Wer dagegen einen Ort sucht, an dem man das Gefühl hat, Urlaub tatsächlich von der Arbeit abzugrenzen, ist hier richtig.
Amorgos Hotel: wo Sie übernachten sollten
Grundsätzlich haben Sie drei realistische Optionen, und die Wahl hängt mehr von Ihrem Tagesrhythmus ab als vom Preis.
| Ort | Charakter | Für wen |
|---|---|---|
| Chora | Hauptort, Gassen, Restaurants, abends lebendig | Wer abends etwas erleben will und kurze Wege mag |
| Aegiali | Hafenort, Strand direkt am Ort, ruhiger | Wer morgens schwimmen will und Fähranbindung schätzt |
| Verstreute Unterkünfte | Einzelne Häuser an der Küste, teils nur per Auto erreichbar | Wer absolute Ruhe will und nicht auf Restaurants angewiesen ist |
Mein Tipp, wenn ich nur einen Aufenthalt empfehlen darf: Nehmen Sie Chora als Basis und fahren Sie für zwei, drei Tage nach Aegiali hoch. Sie sehen beide Gesichter der Insel, ohne zweimal Koffer packen zu müssen.
Wann Sie fahren sollten
Juni und September sind die Monate, die ich nehme. Warm genug zum Schwimmen, leer genug, dass man am Kloster nicht in einer Schlange steht. Juli und August funktionieren, sind aber voll und heiß, und die Fähren sind ausgebucht. April und Oktober sind ruhiger, aber das Meer ist kühler und einige Tavernen haben noch oder schon geschlossen.
Was die Insel von Ihnen verlangt
Amorgos belohnt keine Eile. Sie brauchen ein Auto oder einen Roller, wenn Sie wirklich etwas sehen wollen, und Sie brauchen die Bereitschaft, an einem Tag einfach nichts zu tun, weil die nächste Fähre ohnehin erst morgen fährt. Das klingt nach einer Kleinigkeit. Für viele ist es die größte Umstellung des ganzen Urlaubs.
Und wenn Sie ankommen und das erste Mal diese weiße Linie im Fels sehen, hoch über dem Meer, dann verstehen Sie vielleicht, warum ich damals nicht sauer war, dass meine Fähre voll war. Manchmal ist der Umweg die eigentliche Reise.